Galeriebrief 4/2013

26. Oktober 2013 bis 19. Januar 2014

The Skin of Painting (Die Haut der Malerei)

Die Bilder dieser Ausstellung in einen Kontext von Zusammenhängen und Referenzen einzuordnen würde die Absicht der Ausstellung verfehlen. Deshalb auch der Verzicht darauf, eine Künstlerliste vorzulegen. Der Ausstellungstitel macht darauf aufmerksam, dass beim Sehen das Übersehen mitspielt, dass das eigentlich Vorhandene oft nicht zu Wort kommt und die Interpretation auf einer Ebene ansetzt, die die erfahrbare Präsenz der malerischen Beschaffenheit des Artefakts durch Nichtbeachtung invisibilisiert, es sei denn die Farbmaterie macht lauthals auf sich aufmerksam.

Unsere Ausstellung beabsichtigt aber keineswegs, mit den Exponaten die vordergründige Inszenierung von Farbmaterial und Farbauftrag, oder gar den Malprozess zu veranschaulichen. Die viel geheimnisvollere Epidermis, Grenze zwischen Leib und Welt ist gemeint. Ein merkwürdiger Körperanalogismus begleitet die abendländische Malereitradition als Haut der Malerei. Bis in die Gegenwart sind davon Spuren auszumachen. Die Oberflächen der Bilder verkörpern Trennung und Einheit von Berührung und Unberührbarkeit, von Intelligiblem und Sensiblem, von Geist und Sinnlichkeit. Sinnfällig ist die Parallele zu einem übermächtigen Topos der dualistischen Philosophietradition des Abendlandes, nämlich der Entgegensetzung von Geist und Sinnlichkeit.

Eine Vielfalt der Beschaffenheit der Bildoberflächen verleiht diesen seit dem 19. Jahrhundert bis in die Moderne Ausdrucksstärke und Eigenwert. Die Geschlossenheit oder Offenheit, Sprödheit oder Geschmeidigkeit, Transparenz oder Dichte der Farboberflächen sind ein wichtiges und integriertes Element der ästhetischen Funktion (Jan MukaÅ?ovský) und der Wahrnehmungsstruktur, welche die Werke anbieten.

Eine moderate Vorahnung einer radikalen Veränderung der Bildproduktion ist ab 1960 spürbar. Der Siebdruck wurde von einigen Künstlern zwar noch in malerischer Diktion eingesetzt. Mit der Verwendung der fotografischen Technik zur Herstellung von Artefakten und später mit dem Einsatz von digitalen Technologien verlieren die Bilder mehr und mehr ihre diskrete und ihnen selbstgemässe Haut. Diese dramatische Einbusse von Wesen und Anwesenheit des Artefakts führt zudem zu einer Geringschätzung einer Qualität, welche durch nichts anderes aufgewogen wird und trotzdem im aktuellen Kunstdiskurs als anachronistisches Überbleibsel eingestuft und kaum Beachtung findet.

Dass ein Nachruf auf ein unzeitgemässes Kulturgut, das seine raison d‘être verloren hat, weitaus verfrüht ist zeigen die Bilder unserer Ausstellung. Die Tradierung von Wert und Nachvollziehbarkeit unserer Thematik kann kaum überschätzt werden, besteht doch der Bildbestand der Kunstgeschichte nicht aus immateriellen Zeichen und Signalen, sondern aus «ästhetischen Objekten, die ihre Konkretisierung, ihre individuelle Realisierung im Bewusstsein des Rezipientensubjekts erfahren.» (Jan MukaÅ?ovský)

Ausstellungen

Rita McBride /Manfred Pernice
Nenn mich nicht Stadt!
Kunstmuseum St. Gallen, Lokremise, 17. August bis 10. November 2013

Rita McBride Museo Tamayo,
Mexico City
10. Oktober 2013 bis 12. April 2014

Piet Mondrian-Barnett Newman-
Dan Flavin

Kunstmuseum Basel, bis 19.1.2014

Andreas Christen
Studio Dabbeni, Lugano
4.10. – 30.11.2013

16. November 2008 – 2033
Sol LeWitt
A Wall Drawing Retrospective

Yale University Art Gallery and Williams College Museum of Art